Antrag auf Benennung einer neuen Straße im Solinger Stadtgebiet auf den Namen „Willi-Dickhut-Straße“

Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands - Kreisverband Bergisch-Land

Sehr geehrte Damen und Herren,



aus der Presse haben wir entnommen, das bei der Stadt eine Liste über neue Straßennamen geführt wird, die an bedeutende Solinger Persönlichkeiten erinnern sollen.

Anlässlich des 21. Todestages des Solinger Arbeiterfunktionärs Willi Dickhut am 8. Mai sowie des 20. Jahrestags des neofaschistischen Brandanschlags in Solingen stellen wir den Antrag, dass eine dieser Straßen zum Andenken an den Solinger Antifaschisten, Arbeiterfunktionär und Kommunisten den Namen Willi-Dickhut-Straße tragen soll.



Begründung:

Die Stadt Solingen als "Klingenstadt" ist auch bundesweit immer noch eine der Städte mit dem höchsten Arbeiteranteil. Dadurch verfügt sie über eine reiche Geschichte der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Die bedeutende kommunistische Tradition in der Solinger Kommunalpolitik zeigt sich auch unter anderem auch darin, dass sowohl vor als auch unmittelbar nach der faschistischen Diktatur der Oberbürgermeister in Solingen von Kommunisten gestellt wurde (Hermann Weber, Albert Müller). In den Solinger Straßennamen aber ist diese Tradition bisher nicht angemessen gewürdigt. Daher unterstützen wir auch die vorliegenden Vorschläge, Straßen nach den Kommunisten und antifaschistischen Widerstandskämpfern Karl Bennert und Tilde Klose zu benennen. Auch der Solinger Arbeiter, Antifaschist und Kommunist Willi Dickhut (1904 bis 1988) gehört in diese Reihe, zumal sein praktisches und theoretisches Wirken inzwischen weit über Solingen hinaus Bedeutung gewonnen hat:



  1. Willi Dickhut kämpfte zwölf Jahre lang an vorderster Front unter Einsatz seines Lebens gegen die faschistische Hitler-Diktatur: Mehrere Jahre war er deshalb in Konzentrationslagern (Börgermoor und Esterwegen) und in Gefängnissen (mehrfach in verschiedene Gefängnisse in Solingen, Anrath bei Krefeld, Düsseldorf). Von 1935 bis 1945 war er mit Willi Lohbach (siehe Willi-Lohbach-Weg am Pfaffenberg) und Rudi Leupold in der 3-köpfigen Leitung des illegalen proletarischen Widerstands in Solingen und dem südlichen Ruhrgebiet. In dieser Funktion gab er regelmäßige illegale Schriften zur Analyse des Kriegsverlaufs und Ausrichtung des illegalen Widerstands heraus – später in zwei Bänden publiziert als "Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg“ (erschienen im Mai 1987 im Verlag Neuer Weg, ISBN 3-88021-156-6). 1944 wurde er vom 2. Senat des Volksgerichtshof in Potsdam wegen Hochverrats und Feindbegünstigung (er unterstützte russische Zwangsarbeiter als seine Arbeitskollegen in der Fa. Klopp) angeklagt. Darauf stand nur die Todesstrafe. Beim Bombenangriff auf Solingen am 4. November 1944 konnte er aus dem Gerichtsgefängnis in der Solinger Wupperstraße durch das brennende Solingen fliehen und sich in Grünscheid illegal verstecken. Im April 1945 verließ er – als entflohener Häftling unter Lebensgefahr - sein Versteck, um gemeinsam mit der illegalen kommunistischen Organisation und anderen Antifaschisten wie zum Beispiel Karl Bennert kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner zu verhindern, dass Solingen durch eine wahnwitzige „Verteidigung“ durch die Terrororganisation „Werwolf“ erneut von der US-Armee zerstört wird. Am 15. April verfasst er – als Illegaler – den „Aufruf an die Bevölkerung Solingens!“. Darin hieß es u.a.: „Das Deutsche Volk will Frieden: Es will kein wertvolles Leben mehr für solche Bankrotteure und Kriegsverbrecher hergeben, es will die noch vorhandenen Sachwerte erhalten, um den kommenden Aufbau nicht noch schwieriger oder unmöglich zu machen... Nieder mit den faschistischen Mordbanditen!“ Dieses Flugblatt wurde tausendfach verteilt und hatte Wirkung: Massen von Solinger verlangten vor dem Walder Rathaus, dem Sitz der Nazi-Parteiführung, die Einstellung der „Verteidigung“, entwaffneten z.T. Nazis, bauten Panzersperren ab und hissten weiße Fahnen. So konnte Solingen kampflos an die Amerikaner übergeben werden. Hunderte oder gar tausende Menschenleben wurden so gerettet, große Sachwerte blieben erhalten. (siehe die Autobiografie von Willi Dickhut "So war's damals...“ Seite 362 ff. Ebenso Sbosny, Schabrod "Widerstand in Solingen" Seite 120 ff.).

  2. Willi Dickhut war ein bedeutender Repräsentant der kommunistischen Arbeiterbewegung in der Solinger Kommunalpolitik: Als Stadtverordneter der KPD ab März 1933. Diese Aufgabe konnte er nicht antreten, weil er schon vorher in sogenannte „Schutzhaft“ kam (erst Rathaus Ohligs, dann Rathaus Potsdamerstr.); als Sekretär des Zentral-Aussschusses der Anti-Nazibewegung zum demokratischen kommunalen Wiederaufbau ab April 1945 bis zum Verbot durch die amerikanische Militärpolizei (s. Ausweis der Alliierten als Faksimile in „So war's damals...“ S. 387); als Fraktionsvorsitzender der KPD im Stadtrat ab 1946 (s. Urkunde vom 6. Februar 1946 auf dem Rückumschlag des Buches „Widerstand in Solingen“ und „So war's damals...“ S. 494), als Architekt einer bundesweit beachteten kommunalpolitischen Zusammenarbeit von KPD und SPD Anfang der Fünfzigerjahre (s. Solinger Tageblatt vom 19.3.1953, zit. in Willi Dickhut „Was geschah danach?“ S. 138 ff.). Als langjähriger Vertreter der KPD im Aufsichtsrat der Ohligser Wohnungsbaugenossenschaft lebte er mit seiner Frau Luise in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung der OWG-Siedlung am Deusberg. Zudem war er aktives Mitglied bei den Naturfreunden Ohligs/Wald und der VVN.

  3. Willi Dickhut war von 1926 an über 60 Jahre lang führend in der kommunistischen Arbeiterbewegung in Solingen und später bundesweit tätig: so als Kreisvorsitzender der KPD in Solingen, Remscheid und Hagen, Leiter der Landesparteischule NRW, stellvertretender Leiter der Kaderabteilung im Parteivorstand der KPD, nach dem Verbot der KPD 1956 unabhängiger Kandidat bei den Landtagswahlen 1958 – Kandidatur verboten und zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt (auf Bewährung); 1966 aus der illegalen KPD ausgeschlossen wegen politische Differenzen über die Stellung zur Sowjetunion und zur VR China; danach maßgeblich beteiligt am Neuaufbau einer marxistisch-leninistischen Partei: von 1969 bis 1991 22 Jahre lang Schriftleiter der Reihe Revolutionärer Weg, dem theoretischen Organ der MLPD und ihrer Vorgängerorganisationen; ab 1972 erster Leiter der Zentralen Kontrollkommission in der Vorgängerorganisation der 1982 maßgeblich auch von ihm mit gegründeten und geprägten MLPD.

  4. Willi Dickhut war als Metallfacharbeiter über 70 Jahre lang in Solingen aktiver Gewerkschaftsfunktionär als Vertrauensmann, Vertreter der IG-Metall, zwei Jahre Mitglied der Ortsverwaltung der IG-Metall und im DGB-Ortskartell, hat viele gewerkschaftliche Kämpfe ausgelöst und tausende Gewerkschaftsmitglieder, Vertrauensleute und Betriebsräte geschult. 1990 wurde er vom IG-Metall-Vorstand für 70-jährige Gewerkschafstmitgliedschaft geehrt (ST vom...)

  5. Willi Dickhut ist der bedeutendste Arbeitertheoretiker Solingens und einer der bedeutendsten marxistisch-leninistischer Theoretiker Deutschlands nach dem II. Weltkrieg: In 27 Büchern und zwölf Broschüren hat er seine jahrzehntelangen Erfahrungen wissenschaftlich verarbeitet. Unter seiner Leitung wurden 24 Bände der Reihe Revolutionärer Weg verfasst. Vor allem seine prinzipiellen Lehren aus der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion für den neuen Aufbau revolutionärer Parteien und einen neuen Anlauf für den echten Sozialismus finden weltweit zunehmend Anerkennung. Seine Bücher sind erschienen im Verlag Neuer Weg, Essen. Der Katalog der deutschen Nationalen Bibliothek verzeichnete 33 Schriften von Willi Dickhut, das online-Lexikon wikipedia nennt 14 Bücher von ihm. Im online-Buchvertrieb amazon können 26 Bücher gekauft werden. Seine Bücher sind aufgrund ihrer weltweiten Relevanz in 8 Sprachen übersetzt: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Türkisch, Finnisch, Persisch und eine indische Sprache. Sie werden nach gegenwärtigem Kenntnisstand in allen 5 Erdteilen und 57 Ländern vertrieben: Europa (24): Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Luxemburg, Norwegen, Schweden, Finnland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Großbritannien, Irland, Russland, Ukraine, Weißrussland, Kasachstan, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Serbien. Asien (12): Indien, Bangladesh, Nepal, Pakistan, Philippinen, Indonesien, China, Japan, Türkei, Iran, Afghanistan, Vietnam. Afrika (6): Ägypten, Marokko, Tunesien, Kongo, Südafrika, Elfenbeinküste. Amerika (14): USA, Kanada, Dominikanische Republik, Haiti, Panama, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien, Uruguay, Paraguay. Australien (1): Australien



Die örtliche und überörtliche Bedeutung von Willi Dickhut zeigt sich auch an Folgenden:

  • Die frühere Leiterin des Stadtarchivs, Frau Aline Poensgen, sowie der jetzige Leiter Ralf Rogge haben ungeachtet parteipolitischer oder weltanschaulicher Differenzen über viele Jahrzehnte immer eng mit Willi Dickhut zusammengearbeitet, seine Werke für das Stadtarchiv gekauft und ausgestellt, sich in Vorträgen insbesondere über die Geschichte des demokratischen Wiederaufbaus nach 1945 auf seine teilweise einzigartigen Dokumente gestützt sowie einen großen Teil seines Nachlasses archiviert und gepflegt. Das Verzeichnis der im Solinger Stadtarchiv hinterlassenen Werke von Willi Dickhut umfasst 21 Seiten (Findbuch Na 003) (http://www2.solingen.de/c12572f800380be5/files/na_003_willi_dickhut.pdf/$file/na_003_willi_dickhut.pdf?openelement)

  • Von 1928 bis 1929 war er in Slatoust am Ural – der russischen „Klingenstadt“ mit jahrhundertelanger Tradition der Zusammenarbeit - als Facharbeiter tätig zur Hilfe beim Aufbau der Produktion von Haarschneidemaschinen nach Solinger Muster. Darüber erschien vor einigen Jahren ein Artikel im „Solingen Tageblatt“.

  • An der Gedenkveranstaltung zu seinem Tod im Mai 1992 im Konzertsaal an der Konrad Adenauer Straße beteiligten sich ca. 1200 Menschen.

  • Die Gedenkveranstaltung zu seinem zehnten Todestag im Mai 2002 fand in der Historischen Stadthalle Wuppertal statt mit 1300 Gästen aus aller Welt und anschließendem zweitägigen Seminar zum Lebenswerk von Willi Dickhut unter seinem Motto "Ich habe mein Leben lang gekämpft“. Unter dem gleichen Titel erschien eine Dokumentation dieses Seminars.

  • Ebenfalls im Jahr 2002 wurde Gelsenkirchen unter der Verantwortung der „Willi-Dickhut-Stiftung" (http://www.willi-dickhut-museum.de/stiftung/index.htm) das Willi-Dickhut-Museum (http://www.willi-dickhut-museum.de/index.htm) eröffnet, das später um eine wissenschaftliche Bücherei der Arbeiterbewegung ergänzt wurde (http://www.willi-dickhut-museum.de/biblio/index.htm). Über sein Lebenswerk gibt es eine CD Für das Willi-Dickhut-Museum stellte auch das „Industriemuseum Solingen“ Leihgaben zur Verfügung.

Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie den Vorschlag einer "Willi Dickhut-Straße" in die Liste künftiger Straßennamen aufnehmen würden. Wir setzen dabei auf Ihre überparteiliche demokratische Gesinnung, einem bedeutenden Solinger Revolutionär eine solche Würdigung zuteil werden zu lassen, auch wenn es zu seinen Standpunkten keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens gibt. Das ist aber auch bei vielen anderen Straßennamen der Fall (Konrad-Adenauer-Straße, der frühere Hindenburgplatz usw.). Wir gehen davon aus, dass die Stadt Solingen keine Interesse daran hat, dass das biblische Sprichwort "Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande." (nach: Matthäus-Evangelium 13,57) auch in Solingen traurige Anwendung findet.



Mit freundlichen Grüßen und der Erwartung, bald von Ihnen zu hören



Anlage:

Lebenslauf von Willi Dickhut aus den Dokumenten des Stadtarchivs Solingen:

 

„Stadtarchiv Solingen Findbuch Na 003: Willi Dickhut

Stand: 31.12.2011

 

II

Vorwort

 

Willi Dickhut

geboren am 29. April 1904 in Schalksmühle, gestorben am 8. Mai 1992 in Solingen

Besuch der Volksschule

Lehre als Schlosser und Dreher

Politische Tätigkeiten und Funktionen

1920 Beteiligung am Generalstreik gegen den Kapp-Putsch

1921 Organisation im Deutschen Metallarbeiter-Verband (freie Gewerkschaft)

1926 – 1930 Mitglied der Leitung der Schlosserbranche im Deutschen Metallarbeiter-Verband,
nach dessen Spaltung Mitglied des »Einheits-Verbandes der Metallarbeiter« (kommunistische

Gewerkschaft), am 1. März 1933 von den Faschisten aufgelöst,

Mitglied der »Internationalen Roten Hilfe« und des Touristenvereins “Die Naturfreunde”

Im März 1926 Eintritt in die Kommunistische Partei

Deutschlands und aktiver Funktionär (Aufbau von Betriebsgruppen und Herausgabe von Betriebszeitungen)

1928/ 29 acht Monate in der Sowjetunion als Fabrikfacharbeiter tätig

nach seiner Rückkehr verstärkt für die KPD aktiv

Im März 1933 Wahl zum Stadtverordneten von Solingen.

Unter den Nationalsozialisten bis 1935 in 'Schutzhaft'

Nach seiner Haftentlassung illegale Arbeit für die KPD in Solingen

1938 Verurteilung vom Sondergericht Hamm zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis

Im August 1944 erneute Verhaftung

Im November 1944 Flucht aus dem Gefängnis während eines schweren Bombenangriffs auf Solingen

1945 - 1946 Aufbau der KPD, aktiver Funktionär (unter anderem stellvertretender Kaderleiter im Parteivorstand)

1966 Parteiausschluss wegen seiner Kritik an den Verhältnissen in der Sowjetunion

1971 Buch über die Restauration des Kapitalismus inder UdSSR erscheint erstmals. Darin entwickelt Dickhut eine grundsätzliche Kritik an den Veränderungen in der UdSSR nach der Machtübernahme Chruschtschows, die er als Verrat am Sozialismus und Ursache für das Scheitern der UdSSR ansah.

Nach dem Ausschluss aus der KPD engagierte er sich in der KPD/ML und förderte die Vereinigung von KAB (ML) und KPD/ML (RW) zum Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD) 1972, der die Gründung der MLPD vorbereitete. Willi Dickhut war von 1969 bis 1991 für die Schriftenreihe Revolutionärer Weg

Der Nachlass enthält Schilderungen der Nachkriegszeit, Unterlagen zum Wiederaufbau von Parteien, Genossenschaften und Gewerkschaften, Parteizeitungen und -programme und Schriften Dickhuts.

Die älteren Teile des Bestandes hat Willi Dickhut selbst ausgewertet in: So war ́s damals. Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters 1926-1948, 1979; s. auch Ders.: Was geschah danach? (ab 1949), 1990

Publikationen von Willi Dickhut in der Archivbibliothek:

1. 90 Jahre Novemberrevolution, Essen 2008, aus: Dickhut, Willi: Proletarischer Widerstand gegen

Krieg und Faschismus. 1987; Signatur KA 9382

2. Ich habe mein Leben lang gekämpft. Dokumentation der Veranstaltungsreihe zum Lebenswerk von

Willi Dickhut vom 9. bis 12. Mai 2002 in Wuppertal und Gelsenkirchen, hrsg. von den Veranst. Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), Essen 2002; Signatur KA 9373

3. Was geschah danach? Zweiter Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters ab 1949, Essen 1990; Signatur KA 6145/2

4. So war's damals ... Tatsachenbericht eines Solinger Arbeiters 1926 - 1948, Stuttgart 1979; Signatur KA 6145/1

5. Dickhut, Willi; Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg, Düsseldorf 1977, Signatur KA 7040/1+2

 

Solingen, März 2011“

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